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Einsame Gummibärchen und Wanderstiefel über Berlin

Ein paar Betrachtungen beim Betrachten des Fotowettbewerbs

In der letzten Ausgabe rief der eisbrecher zum Fotowettbewerb „Momentan heute“ auf, und eine rege Teilnehmerschar war schnell gefunden. Das Besondere: In einer Woche im Februar kam jeden Morgen eine SMS mit drei Begriffen auf den Handies der Fotografen an und gab damit den Startschuss für das Tagwerk. Drei Begriffe, drei Bilder, nicht mehr und eigentlich auch nicht weniger...


Seit einigen Wochen sind die Ergebnisse des Fotowettbewerbs im Netz. Als Sequenz bereichern sie nicht nur im Zusammenhang eines Films, sondern auch quergeschaut: Die Reihe der Bilder, die als Reaktion des Auges auf eines der Stichworte entstand, zeigt die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Assoziation, die Möglichkeiten und Grenzen „guten Fotografierens“. Übung macht den Meister und hier haben Lehrlinge vieles gemeistert und auch Meister geübt. Es lohnt sich enstprechend genauso, die Bilder einmal ohne ihre Überschrift zu lesen und sie selbst zu betiteln.

Die Fotos zeigen unbeabsichtigt mehr, als sie nur abbilden möchten. Das gilt insbesondere, wenn sich ein ganzer Film präsentiert, der zudem absolut unzensiert, sozusagen nackt und ehrlich vor uns steht. Im Kunsthandwerk ist das der seltene Fall: Das Publikum sieht ein Ergebnis noch vor dem Künstler. Außerdem sorgt der enge Zeitrahmen des Entstehens dafür, dass die Bilder in die Lebenswelt der Fotografen einzuzoomen. Drei Bilder am Tag erlauben es kaum, Motive außerhalb des eigenen Alltags zu suchen. Die Begriffe, die der Fotograf morgens verschlafen (Julian 18, Anja 11) und erschrocken, vielleicht erfreut oder gelangweilt vom Display seines Handys abliest, wirken auf ihn in der Uni (Hendrik 20), auf dem Schulweg (Anja 7) oder im Badezimmer (Hendrik 2, Philippe 19) und müssen dort und sofort in Optik verwandelt werden. Das optische Material ist aber kaum mehr als die Photonentapete im Hintergrund der täglichen Routine. Das passt. Denn die Bilder sollten später in eine Zeitschrift, sollten zeigen, dass der eisbrecher nicht von der Stange kommt, sondern zu guten Stücken auch von seinen Lesern gemacht wird, in Text und Bild. Und der eisbrecher kommt nicht an's Lagerfeuer nach Lappland, sondern landet erst einmal im Briefkasten (Anne 8) und danach irgendwo im Regal, zwischen Max Frischs Stiller (Anja 3) und anderen Buchdeckeln zum Unbehagen am Geschlecht (Hendrik 17). Er liegt auf krokodilbelegten Klostübchen (Anja 4, Martin 8) und bei revolutionären Plattensammlungen (Anne 5, Helmut 5, Philippe 11), zwischen Crocodile Dundee Videos (Hendrik 7) und in WG-Küchen (Martin 13 und 16, Anne 4). Dort überall wird er als Lektüre zu Café (Julian 11, Anne 16, Martin 14) und Alkohol (Hendrik 15, Flina 12, Philippe 15, Anja 9) herhalten dürfen.

Nicht zwischen Zeltplanen also, sondern umgeben von Wänden aus Glas und Beton wird der eisbrecher gelesen und – nicht zuletzt – auch gemacht. Waldwärts treibt es erst einmal das Gemüt, die Wanderschuhe blicken über Berlins Weiten und betreten anstelle von Waldwegen vor allem unwegsamen Asphalt, BMX-Räder und ägyptische Straßenbahnen.

Der eisbrecher kann mit diesen Fotos in den eigenen Alltag zoomen, von der Fahrt auf den heimischen Schreibtisch (Julian 17). Damit sind wir dort, wo wir hin wollen. Der Ausbruch waldwärts, ins Ungefähre und vor die Mauern der Vorstadt ist immer nur der erste Schritt vor der Heimkehr mit der U-Bahn (Anne 17), Wanderschuhe stehen neben Sneakers (Philippe 24). Jugendbewegung ist, wenn es gut geht und die Bilder vom Wettbewerb nicht trügen, kein Anti-Modernismus. Es ist der Mut, von zu Hause auszureißen, weil es dort oft unwohnlich, zugepflastert, trostlos, plakatiert und horizontarm ist; verbunden aber mit der Rückkehr hinter die morgenroten Scheiben (Anja 1, Helmut 1, Martin 1, Anne 1) der eigenen vier Wände, weil dort der Alltag ist, weil dort die Wirklichkeit belebt sein möchte. Stadtwärts.

zufällige Bilderreise starten
Durch die morgenroten Scheiben
Einzeln
Übergänge
Gerücht
Ton, Steine, Scherben
Sprechblase
Die folgende Geschichte
Heimlich
Trostlos
Waldwärts
Ursprung
Ende
Ein-klang
Gleichgültig
Blau
Grazie
Losleben
Abendliebe
Horizont
Die Wilden
Verfurcht
Selbstproträts
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